Das Weizenkorn
Endzeitprophetie
Geschrieben von R. Grubenmann am 27. Juli 2007 22:59:
Als Antwort auf: Gethsemane geschrieben von R. Grubenmann am 26. Juli 2007 23:11:
"Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, es sei denn, daß das Weizenkorn in die Erde falle und ersterbe, so bleibet es allein; so es aber erstirbt, so bringt es viele Frucht."
(Joh. 12, 24.)
Rings um mich her sehe ich Leben, frisches, kräftiges Frühlingsleben über Berg und Tal, grünende Wiesen und Felder, blühende Bäume und Sträucher, süße Wonne und Lobgesang in den Lüften. Aber alles dieses Leben ist hervorgegangen aus Gräbern! Noch vor wenigen Monaten da glich das ganze Land einem unermeßlichen Grab, in welches das Leben des Vorjahres verwesend hinabgesunken, darin alles unter Schnee und Frost begraben wie im Todesschlummer lag. Da wehte der Odem Gottes durch das Land, zerriß das Leichentuch und ließ auferstehen die schlummernden Geister der Tiefe; es drängte hervor ein tausendfaches Leben, der schwellende Keim sprengte das Saatkorn, in dessen Hülle er verborgen lag, die Hülle blieb verwesend zurück, aber der Keim trieb empor, und wächst und reift nun der Frucht und Ernte entgegen: "wenn das Weizenkorn erstirbt, dann bringt es viele Frucht."Doch du stillwaltende Natur, du bist mir ein Vorbild für die Ordnungen im Reich des Geistes; auch hier heißt es, wenn das Weizenkorn erstirbt, so bringt es viele Frucht. War es nicht ein wunderbares Samenkorn, die Religion des alten Bundesvolkes, mitten unter den Greueln des Götzendienstes nur ein einziges, kleines Volk, das betend seine Hände erhob zu dem unsichtbaren Gott, verschmähend jedes Bildnis gemacht von Menschenhand, frei von jenen unwürdigen Vorstellungen, durch welche die Gottheit selbst in den Schmutz menschlicher Sünde herabgezogen war, emporgehoben zum Gedanken von der Heiligkeit und Gerechtigkeit Gottes, und ihm zu dienen bestrebt in Heiligkeit und Gerechtigkeit des Wandelns? Und doch, es war nur ein Saatkorn, eingeschlossen in die beengende Hülle eines beschränkten Volkstums, harten Nationalstolzes, äußerlichen Ceremonialwesens. Und als nun die Zeit erfüllet war, da das Reis aufschoß aus Isais Samen, als der göttliche Lebenskeim, der in dieser Religion verborgen lag, sich zu regen begann, da mußte erst jene Hülle verwesend niedersinken, dann konnte sich erst der Keim entfalten und emporwachsen zur Saat, durch welche alle Geschlechter auf Erden sollten gesegnet sein. Es hieß auch da: "wenn das Weizenkorn erstirbt, dann bringt es viele Frucht."
Und nun er selber, der Stifter unserer Religion, wie ist er doch ein rechtes Weizenkorn gewesen, das zuerst in die Erde fallen und ersterben mußte. In der Seele des Volkes Israel lebte eine schöne, erhebende Messiashoffnung. Auch als ihre Größe und Freiheit schon längst in den Staub getreten war durch die Herrschaft der Fremden, und während die eiserne Faust der Römer sie zu Boden drückte, hörten die Juden nicht auf, zu hoffen: Gott wird unser Elend ansehen und uns den Retter senden, der seine und seines Volkes Feinde niederschmettert, das Land vom Greuel des Heidentums befreit und die glorreichen Zeiten Davids wiederbringt. Auch vor den Augen Jesu stand dieses Messiasbild, es stand vor ihm in jenem Augenblick, als ihm der Versucher auf dem Berge die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit wies, mit der Verheißung, ihm alles zu geben, wenn er vor ihm niederfalle. Doch sein Weg war ein anderer; wohl hätte er auf dem Wege der Gewalt mit seinem Volke noch einmal einen kurzen Traum der Freiheit und es Glückes träumen können, aber ein ewiges Reich der Gnade und der Wahrheit, der Freiheit und des Friedens hätte er nimmer gegründet, dazu bedurfte es anderer Mittel, anderer Waffen, dazu mußte er dienen und lieben, leiden und sterben. Sein göttlicher Beruf war das Kreuz, hier lag der Weg zur Verklärung und zum Sieg; erst als er am Kreuz geendet, frei geworden von den Schranken einer menschlichen Persönlichkeit, erhob sich seine Gestalt in ganzer Herrlichkeit vor der Seele seiner Jünger, daß sie seine Worte verstanden, seinen Geist empfingen, sein Evangelium verkündeten, und dann erst erhob sich die Lichtgestalt auch vor den Blicken der Menschen, der Völker, daß er ihr Führer und Erlöser, ihr Heil und ihr Leben ward. Weil er sich selbst erniedrigte und gehorsam ward bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz, darum hat ihm Gott einen Namen gegeben, der über alle Namen ist: "wenn das Weizenkorn erstirbt, dann bringt es viele Frucht."
Doch nicht nur für seine Person gilt das Wort; nein, damit ist ein großes Gesetz der Geschichte ausgesprochen, zu allen Zeiten hat es sich aufs neue bewährt: wenn große, dauerhafte, segenbringende Erfolge erzielt werden sollen, so bedarf es auch großer Anstrengungen, schwerer Kämpfe, schmerzlicher Opfer, ja dann bedarf es wohl des Blutes, des Todes der Edelsten. Wie hat die Gemeinde der Urzeit durch grausame Verfolgungen hindurchgehen, wie haben Ströme edeln Märtyrerblutes vergossen werden müssen, bis endlich gerade infolge davon der Sieg errungen, die Kirche fest gegründet war: "wenn das Weizenkorn erstirbt, dann bringt es viele Frucht." Und wie haben späterhin in der christlichen Kirche selbst viele treue Bekenner des Evangeliums in Elend und Verbannung, in Gefängnissen und auf den Ruderbänken der Galeeren, unter Folterqualen und auf den Scheiterhaufen der Inquisition für ihren evangelischen Glauben Zeugnis ablegen müssen, bis die Wahrheit durchbrach, das Joch der Menschensatzung zerbrochen und dem christlichen Gewissen zur Freiheit und zum Recht verholfen war: "wenn das Weizenkorn erstirbt, so bringt es viele Frucht."
Ja, es gilt dies auch von jedem einzelnen Christen, es gilt noch heute für jeden: Wer mir dienen will, der folge mir nach, und wo ich bin, da soll auch mein Diener sein; wer sein Leben lieb hat, der wird es verlieren, wer es aber hasset in dieser Zeit, der wird es gewinnen zum ewigen Leben.
Wer unter uns kennt nicht etwa liebe Verstorbene, die ihm gerade durch den Tod lieber, noch teurer geworden, die nun, nachdem jene Mißverständnisse ganz aufgehört, welche mit dem persönlichen Zusammenleben so häufig verbunden sind, in verklärter Gestalt vor ihm schweben und auf sein Denken und Handeln jetzt größern Einfluß üben als je zuvor. Geht's da nicht auch in Erfüllung: "wenn das Weizenkorn erstirbt, dann bringt es viele Frucht."
Und wie vielfach gilt es auch noch sonst im Leben: willst du eine rechte, reife Frucht des Lebens bringen in deiner Wirksamkeit, in deinem Amt und Beruf, willst du etwas schaffen, das im Segen bleibt, dann mußt du gewissermaßen sterben, dich ganz an deine Sache hingeben, in ihr leben und weben, den Ruf der Pflicht weit über persönliche Wünsche stellen. Willst du eine rechte Frucht des Lebens bei deinen Kindern zu stande bringen, sie nicht nur aufziehen, sondern wirklich erziehen, daß sie fest stehen in der Versuchung des Lebens und dich selber verleugnen um deiner Kinder willen, deine Leidenschaften überwinden um des Beispiels willen, dich mit rechter Treue hingeben an deine Vater- und Mutterpflicht. Willst du eine rechte, reife Frucht des Lebens an dir selber zu stande bringen, jene Früchte des Geistes, als da sind: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanftmut, Keuschheit; willst du selber eine vollendete Frucht werden, die Gott sammeln darf in seine ewigen Scheunen, dann mußt du gewissermaßen sterben, ausreißen dein rechtes Auge, das dich ärgert, kreuzigen den alten Menschen samt seinen Lüsten und Begierden und durch die Schmerzen der Buße und der Wiedergeburt hindurchdringen zu neuem Leben. Und wenn dir Gott dann noch Heimsuchungen dazu sendet, Not und Bedrängnis, Krankheiten bei dir und den deinigen, schmerzliche Erfahrungen durch die Menschen - nun diese Hitze der Trübsal ist es ja gerade, in welcher die edelste Frucht innerer Vollendung gezeitigt wird. Während der äußerliche Mensch verweset, wird der innerliche von Tag zu Tag erneuert, und unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine über die Maßen wichtige Herrlichkeit uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Wir ziehen alle das Glück vor; denn alle Züchtigung, wenn sie da ist, dünkt sie uns nicht Freude, sondern Traurigkeit zu sein; aber hernach bringt sie eine friedevolle Frucht der Gerechtigkeit denen, die darin geübt sind. Darum, wenn sie kommt, die Zeit der Heimsuchung, dann lasset uns denken: So muß es sein, um die Frucht des Friedens zu reifen. Und in guten Tagen lasset uns nicht aufhören, zu sterben, d.h. zu wachen, zu kämmpfen und uns selbst zu überwinden, eingedenk des Wortes: "wenn das Weizenkorn erstirbt, so bringt es viele Frucht."
Bleibt bei dem, der euretwillen
Auf die Erde niederkam,
Der, um euren Schmerz zu stillen,
Tausend Schmerzen auf sich nahm;
Bleibt bei dem, der einzig bleibet,
Der, wenn alles auch vergeht,
Der, wenn alles auch zerstäubet,
Siegend überm Staube steht.Alles schwindet; Herzen brechen,
Denen ihr euch hier ergabt,
Und der Mund hört auf zu sprechen,
Der euch oft mit Trost gelabt;
Und der Arm, der euch zum Stabe
Und zum Schilde ward, erstarrt,
Und das Auge schläft im Grabe,
Das euch sorgsam einst bewahrt.Alles stirbt; das Ird'sche findet
In dem Irdischen sein Grab;
Alle Lust der Welt verschwindet,
Und das Herz stirbt selbst ihr ab.
Ird'sches Wesen muß verwesen
Ird'sche Flamme muß verglühn,
Ird'sche Fessel muß sich lösen,
Ird'sche Blüte muß verblühn.Doch der Herr steht überm Staube
Alles Irdischen und spricht:
Stütze dich auf mich und glaube,
Hoffe, lieb' und fürchte nicht!
Darum bleib bei dem, der bleibet,
Und der geben kann, was bleibt,
Der, wenn ihr euch ihm verschreibet,
Euch ins Buch des Lebens schreibt.(Spitta.)