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717 Der vierte König - albamira 21. Dezember 2009 14:49:38

Geschrieben von albamira am 21. Dezember 2009 14:49:38:

Die Legende vom vierten König

Außer Caspar, Melchior und Balthasar war auch ein vierter König aus dem Morgenland
aufgebrochen, um dem Stern zu folgen, der ihn zu dem göttlichen Kind führen
sollte. Dieser vierte König hieß Coredan. Drei wertvolle rote Edelsteine hatte
er zu sich gesteckt und mit den drei anderen Königen einen Treffpunkt vereinbart.
Doch Coredans Reittier lahmte unterwegs. Er kam nur langsam voran, und als
er bei der hohen Palme eintraf, war er allein. Nur eine kurze Botschaft, in den
Stamm des Baumes eingeritzt, sagte ihm, dass die anderen drei ihn in Betlehem
erwarten würden. Coredan ritt weiter, ganz in seinen Wunschträumen versunken.
Plötzlich entdeckte er am Wegrand ein Kind, bitterlich weinend und aus mehreren
Wunden blutend. Voll Mitleid nahm er das Kind auf sein Pferd und ritt in das Dorf
zurück, durch das er zuletzt gekommen war. Er fand eine Frau, die das Kind in
Pflege nahm. Aus seinem Gürtel nahm er einen Edelstein und vermachte ihn dem
Kind, damit sein Leben gesichert sei. Doch dann ritt er weiter, seinen Freunden
nach. Er fragte die Menschen nach dem Weg, denn den Stern hatte er verloren.
Eines Tages erblickte er den Stern wieder, eilte ihm nach und wurde von ihm durch
eine Stadt geführt. Ein Leichenzug begegnete ihm. Hinter dem Sarg schritt eine
verzweifelte Frau mit ihren Kindern. Coredan sah sofort, dass nicht allein die
Trauer um den Toten diesen Schmerz hervorrief. Der Mann und Vater wurde zu
Grabe getragen. Die Familie war in Schulden geraten, und vom Grabe weg sollten
die Frau und die Kinder als Sklaven verkauft werden. Coredan nahm den zweiten
Edelstein aus seinem Gürtel, der eigentlich dem neugeborenen König zugedacht
war. „Bezahlt, was ihr schuldig seid, kauft euch Haus und Hof und Land, damit ihr
eine Heimat habt!“ Er wendete sein Pferd und wollte dem Stern entgegenreiten -
doch dieser war erloschen. Sehnsucht nach dem göttlichen Kind und tiefe Traurigkeit
überfielen ihn. War er seiner Berufung untreu geworden? Würde er sein Ziel
nie erreichen?

Eines Tages leuchtete ihm sein Stern wieder auf und führte ihn durch ein fremdes
Land, in dem Krieg wütete. In einem Dorf hatten Soldaten die Bauern zusammen-
getrieben, um sie grausam zu töten. Die Frauen schrieen und Kinder wimmerten.
Grauen packte den König Coredan, Zweifel stiegen in ihm auf. Er besaß nur noch
einen Edelstein - sollte er denn mit leeren Händen vor dem König der Menschen
erscheinen? Doch dies Elend war so groß, dass er nicht lange zögerte, mit zitternden
Händen seinen letzten Edelstein hervorholte und damit die Männer vor dem Tode
und das Dorf vor der Verwüstung loskaufte. Müde und traurig ritt Coredan weiter.
Sein Stern leuchtete nicht mehr. Jahrelang wanderte er. Zuletzt zu Fuß, da er auch
sein Pferd verschenkt hatte. Schließlich bettelte er, half hier einem Schwachen,
pflegte dort Kranke; keine Not blieb ihm fremd. Und eines Tages kam er am Hafen
einer großen Stadt gerade dazu, als ein Vater seiner Familie entrissen und auf ein
Sträflingsschiff, eine Galeere, verschleppt werden sollte. Coredan flehte um
den armen Menschen und bot sich dann selbst an, anstelle des Unglücklichen als
Galeerensklave zu arbeiten.

Sein Stolz bäumte sich auf, als er in Ketten gelegt wurde. Jahre vergingen.
Er vergaß, sie zu zählen. Grau war sein Haar, müde sein zerschundener Körper
geworden. Doch irgendwann leuchtete sein Stern wieder auf. Und was er nie zu hoffen
gewagt hatte, geschah. Man schenkte ihm die Freiheit wieder; an der Küste eines
fremden Landes wurde er an Land gelassen. In dieser Nacht träumte er von seinem
Stern, träumte von seiner Jugend, als er aufgebrochen war, um den König aller
Menschen zu finden. Eine Stimme rief ihn: „Eile, eile!“ Sofort brach er auf, er kam
an die Tore einer großen Stadt. Aufgeregte Gruppen von Menschen zogen ihn mit,
hinaus vor die Mauern. Angst schnürte ihm die Brust zusammen. Einen Hügel
schritt er hinauf, Oben ragten drei Kreuze.

Coredans Stern, der ihn einst zu dem Kind führen sollte, blieb über dem Kreuz in
der Mitte stehen, leuchtete noch einmal auf und war dann erloschen. Ein Blitzstrahl
warf den müden Greis zu Boden. „So muss ich also sterben“, flüsterte er in jäher
Todesangst, „sterben, ohne dich gesehen zu haben? So bin ich umsonst durch die
Städte und Dörfer gewandert wie ein Pilger, um dich zu finden, Herr?“ Seine Augen
schlossen sich. Die Sinne schwanden ihm. Da aber traf ihn der Blick des Menschen
am Kreuz, ein unsagbarer Blick der Liebe und Güte. Vom Kreuz herab sprach
die Stimme: „Coredan, du hast mich getröstet, als ich jammerte, und gerettet,
als ich in Lebensgefahr war; du hast mich gekleidet, als ich nackt war!“

Und der Sterbende am Kreuz schaute gerade auf ihn herab - mit gütigem Blick. Da
kniete der vierte König nieder und sagte: „Herr endlich bin ich da, meine Hände
sind leer, aber mein Herz ist reich.“ - „Ich weiß“ sprach der Herr am Kreuz; „doch
alles, was du an den Geringsten unter den Menschen getan hast, das hast du für
mich getan.“ Da faltete der vierte König die Hände. Drei Blutstropfen des sterbenden
Jesus fielen in diese gefalteten Hände. Dann neigte Jesus das Haupt und starb.
Als der vierte König seine Hände wieder aufmachte, da waren die Blutstropfen
verschwunden, sie waren zu drei herrlichen roten Edelsteinen geworden.

http://www0.fh-trier.de/~keilus/Weihnachtsgeschichte2.pdf